Einleitung
In dieser fünfzehnten Tajwid-Lektion setzen wir das Studium der Madd-Regeln fort. Dabei behandeln wir Dehnungen, auf die ein Sukūn oder eine Schadda folgt.
Im Mittelpunkt stehen drei wichtige Regeln:
- مَدٌّ عَارِضٌ لِلسُّكُونِ – die vorübergehende Dehnung wegen eines Sukūn beim Anhalten;
- مَدُّ اللِّينِ – die weiche Dehnung beim Anhalten;
- مَدُّ اللَّازِمِ – die notwendige Dehnung.
1. Die vorübergehende Dehnung wegen eines Sukūn – مَدٌّ عَارِضٌ لِلسُّكُونِ
Der Madd ʿāriḍ li-s-sukūn entsteht, wenn ein Wort mit einem vokalisierten Buchstaben endet, auf diesem Wort jedoch angehalten wird. Durch den Waqf erhält der letzte Buchstabe vorübergehend einen Sukūn.
Vor diesem letzten Buchstaben befindet sich ein natürlicher Madd-Buchstabe. Der Sukūn ist somit nicht dauerhaft Bestandteil des Wortes, sondern entsteht nur wegen des Anhaltens.
Voraussetzungen
- Ein natürlicher Madd-Buchstabe: ا, و oder ي.
- Danach folgt ein ursprünglich vokalisierter Buchstabe.
- Der Leser hält auf diesem Buchstaben an, sodass ein vorübergehender Sukūn entsteht.
Diese Regel gilt unabhängig davon, ob der Waqf am Ende eines Verses oder an einer zulässigen Stelle innerhalb eines Verses erfolgt.
Dehnungsdauer
Beim Anhalten sind drei Dehnungszeiten zulässig:
- zwei Zähleinheiten;
- vier Zähleinheiten;
- sechs Zähleinheiten.
Alle drei Varianten sind in der Überlieferung von Ḥafṣ zulässig. Innerhalb eines zusammenhängenden Rezitationsabschnitts sollte der Leser jedoch möglichst einheitlich bleiben.
Beim verbundenen Lesen entfällt der vorübergehende Sukūn. Dann bleibt lediglich der natürliche Madd von zwei Zähleinheiten bestehen.
Beispiele
| Madd-Buchstabe | Versausschnitt | Sure und Vers |
|---|---|---|
| ا | فِي الْبِلَادِ |
Al-Faǧr 89:11 |
| و | غَيْرُ مَمْنُونٍ |
At-Tīn 95:6 |
| ي | بَعْدُ بِالدِّينِ |
At-Tīn 95:7 |
Wird beispielsweise auf الْبِلَادِ angehalten, erhält das letzte Dāl einen vorübergehenden Sukūn:
الْبِلَادْ
Das vorhergehende Alif kann dann über zwei, vier oder sechs Zähleinheiten gedehnt werden.
2. Die weiche Dehnung – مَدُّ اللِّينِ
Madd al-līn entsteht beim Anhalten auf einem Wort, das einen Līn-Buchstaben enthält.
Ein Līn-Buchstabe ist:
- ein Wāw mit Sukūn, dem eine Fatha vorausgeht: ـَوْ;
- oder ein Yāʾ mit Sukūn, dem eine Fatha vorausgeht: ـَيْ.
Das Wāw oder Yāʾ ist hier kein gewöhnlicher Madd-Buchstabe, weil ihm keine Damma beziehungsweise Kasra, sondern eine Fatha vorausgeht.
Voraussetzungen
- Ein وْ oder يْ.
- Dem Buchstaben geht eine Fatha voraus.
- Nach dem Līn-Buchstaben folgt ein Buchstabe, auf dem wegen des Waqf ein vorübergehender Sukūn entsteht.
Dehnungsdauer
Beim Anhalten sind zwei, vier oder sechs Zähleinheiten zulässig.
Beim verbundenen Lesen wird keine zusätzliche Madd-al-līn-Dehnung ausgeführt. Der Laut wird lediglich weich und flüssig ausgesprochen.
Beispiele
| Līn-Buchstabe | Versausschnitt | Sure und Vers |
|---|---|---|
| يْ | لِإِيلَافِ قُرَيْشٍ |
Quraiš 106:1 |
| وْ | وَآمَنَهُم مِّنْ خَوْفٍ |
Quraiš 106:4 |
Beim Anhalten auf قُرَيْشٍ wird gelesen:
قُرَيْشْ
Der Laut ـَيْ kann dabei über zwei, vier oder sechs Zähleinheiten gehalten werden.
Unterschied zwischen Madd ʿāriḍ und Madd al-līn
| Aspekt | Madd ʿāriḍ li-s-sukūn | Madd al-līn |
|---|---|---|
| Vorheriger Buchstabe | Ein natürlicher Madd-Buchstabe | وْ oder يْ nach einer Fatha |
| Grund der Dehnung | Vorübergehender Sukūn beim Waqf | Vorübergehender Sukūn nach einem Līn-Buchstaben |
| Beim Anhalten | 2, 4 oder 6 Zähleinheiten | 2, 4 oder 6 Zähleinheiten |
| Beim Verbinden | Natürlicher Madd von 2 Zähleinheiten | Keine zusätzliche Līn-Dehnung |
3. Die notwendige Dehnung – مَدُّ اللَّازِمِ
Der Madd lāzim entsteht, wenn auf einen Madd-Buchstaben ein dauerhafter Sukūn folgt.
Dieser Sukūn ist im Gegensatz zum Madd ʿāriḍ nicht nur durch das Anhalten bedingt. Er bleibt sowohl beim verbundenen Lesen als auch beim Waqf bestehen.
Voraussetzungen
- Ein natürlicher Madd-Buchstabe.
- Danach folgt ein ursprünglicher und dauerhafter Sukūn.
Der dauerhafte Sukūn kann sichtbar geschrieben sein oder in einer Schadda enthalten sein. Eine Schadda besteht lautlich aus zwei gleichen Buchstaben:
- dem ersten Buchstaben mit Sukūn;
- dem zweiten Buchstaben mit einem Vokal.
Dehnungsdauer
Der Madd lāzim wird grundsätzlich über sechs Zähleinheiten gedehnt.
Er wird in zwei Hauptgruppen unterteilt:
- Madd lāzim kalimī – innerhalb eines Wortes;
- Madd lāzim ḥarfī – innerhalb eines Buchstabennamens am Anfang bestimmter Suren.
4. Der notwendige Madd innerhalb eines Wortes – مَدُّ اللَّازِمِ الكَلِمِي
Der Madd lāzim kalimī befindet sich innerhalb eines einzigen Wortes.
Er wird in zwei Arten unterteilt:
- schwer – مُثَقَّلٌ;
- leicht – مُخَفَّفٌ.
A. Der schwere notwendige Madd im Wort – مَدٌّ لَازِمٌ كَلِمِيٌّ مُثَقَّلٌ
Diese Form entsteht, wenn auf den Madd-Buchstaben eine Schadda folgt.
Da die Schadda einen eingebetteten Sukūn enthält, muss der Madd über sechs Zähleinheiten gedehnt werden.
| Versausschnitt | Sure und Vers |
|---|---|
| وَلَا الضَّالِّينَ |
Al-Fātiḥa 1:7 |
| الصَّاخَّةُ |
ʿAbasa 80:33 |
In الضَّالِّينَ folgt auf das Madd-Alif ein Lām mit Schadda. Das Alif wird daher über sechs Zähleinheiten gedehnt.
B. Der leichte notwendige Madd im Wort – مَدٌّ لَازِمٌ كَلِمِيٌّ مُخَفَّفٌ
Diese Form entsteht, wenn auf den Madd-Buchstaben ein ursprünglicher Sukūn ohne Schadda folgt.
Sie kommt in der Überlieferung von Ḥafṣ nur sehr selten vor, insbesondere im Wort آلْآنَ an zwei Stellen in Sure Yūnus.
| Beispiel | Sure und Vers |
|---|---|
| آلْآنَ |
Yūnus 10:51 und 10:91 |
Auch hier beträgt die Dehnung sechs Zähleinheiten.
5. Der notwendige Madd in den abgetrennten Buchstaben – مَدُّ اللَّازِمِ الحَرْفِي
Diese Regel betrifft die abgetrennten Buchstaben, die am Anfang bestimmter Suren stehen. Sie werden auf Arabisch als الحُرُوفُ المُقَطَّعَةُ bezeichnet.
Dabei wird nicht nur der einzelne Buchstabe ausgesprochen, sondern sein vollständiger arabischer Buchstabenname.
Die Art der Dehnung richtet sich nach dem Aufbau dieses Buchstabennamens.
A. Buchstabennamen aus drei Lautbestandteilen
Mehrere abgetrennte Buchstaben besitzen Namen, die aus drei Lautbestandteilen bestehen. Der mittlere Bestandteil ist ein Madd-Buchstabe, auf den ein ursprünglicher Sukūn folgt.
Diese Buchstaben werden grundsätzlich über sechs Zähleinheiten gedehnt:
نَقَصَ عَسَلُكُمْ
Die enthaltenen Buchstaben sind:
| Buchstabe | Buchstabenname | Beispiel einer Sure |
|---|---|---|
| ن |
نُونْ | Al-Qalam 68 |
| س |
سِينْ | Aš-Šuʿarāʾ 26 |
| ق |
قَافْ | Qāf 50 |
| ص |
صَادْ | Ṣād 38 |
| ع |
عَيْنْ | Maryam 19 |
| ل |
لَامْ | Al-Baqara 2 |
| ك |
كَافْ | Maryam 19 |
| م |
مِيمْ | Aš-Šuʿarāʾ 26 |
Sonderfall ʿAyn – عَيْنْ: Dieser Buchstabe enthält keinen gewöhnlichen Madd-Buchstaben, sondern einen Līn-Buchstaben. In der Überlieferung von Ḥafṣ wird er am Anfang der Suren Maryam und Aš-Šūrā über vier oder sechs Zähleinheiten gedehnt, wobei sechs Zähleinheiten häufig bevorzugt gelehrt werden.
B. Schwerer und leichter Madd lāzim ḥarfī
Auch der Madd lāzim ḥarfī wird in eine schwere und eine leichte Form unterteilt.
Schwere Form – مَدٌّ لَازِمٌ حَرْفِيٌّ مُثَقَّلٌ
Sie entsteht, wenn der letzte Laut des Buchstabennamens in den folgenden Buchstaben assimiliert wird.
Beispiel:
الٓمٓ
Beim Lām folgt auf den Madd ein Mīm mit Sukūn, das in das folgende Mīm assimiliert wird.
Leichte Form – مَدٌّ لَازِمٌ حَرْفِيٌّ مُخَفَّفٌ
Sie entsteht, wenn auf den Madd ein ursprünglicher Sukūn folgt, ohne dass eine Assimilation in den nächsten Buchstaben stattfindet.
Beispiele sind die einzeln stehenden Buchstaben:
صٓ – قٓ – نٓ
6. Die zweigliedrigen Buchstabennamen – مَدٌّ طَبِيعِيٌّ حَرْفِيٌّ
Die folgenden abgetrennten Buchstaben besitzen Buchstabennamen aus zwei Lautbestandteilen. Sie werden lediglich über zwei Zähleinheiten gedehnt.
Sie werden häufig im Merksatz zusammengefasst:
حَيٌّ طَهُرَ
| Buchstabe | Buchstabenname | Beispiel einer Sure |
|---|---|---|
| ط | طَا |
Ṭā-Hā 20 |
| ه | هَا |
Maryam 19 |
| ر | رَا |
Yūnus 10 |
| ح | حَا |
Ġāfir 40 |
| ي | يَا |
Maryam 19 |
Diese Buchstaben gehören streng genommen nicht zum Madd lāzim, sondern zum natürlichen buchstabenbezogenen Madd, da sie lediglich über zwei Zähleinheiten gedehnt werden.
7. Der Buchstabe Alif in den Muqaṭṭaʿāt
Der einzelne Buchstabe ا wird als أَلِفْ buchstabiert.
Sein Buchstabenname enthält keinen Madd-Buchstaben. Deshalb wird er nicht gedehnt.
Im Ausdruck الٓمٓ wird daher:
- das Alif ohne Madd ausgesprochen;
- das Lām über sechs Zähleinheiten gedehnt;
- das Mīm über sechs Zähleinheiten gedehnt.
Übersicht der behandelten Madd-Arten
| Madd-Art | Grund | Dauer |
|---|---|---|
| مَدٌّ عَارِضٌ لِلسُّكُونِ | Vorübergehender Sukūn durch Waqf | 2, 4 oder 6 Zähleinheiten |
| مَدُّ اللِّينِ | Waqf nach وْ oder يْ mit vorausgehender Fatha | 2, 4 oder 6 Zähleinheiten |
| مَدٌّ لَازِمٌ كَلِمِيٌّ مُثَقَّلٌ | Madd vor Schadda innerhalb eines Wortes | 6 Zähleinheiten |
| مَدٌّ لَازِمٌ كَلِمِيٌّ مُخَفَّفٌ | Madd vor dauerhaftem Sukūn innerhalb eines Wortes | 6 Zähleinheiten |
| مَدٌّ لَازِمٌ حَرْفِيٌّ | Madd innerhalb eines dreigliedrigen Buchstabennamens | grundsätzlich 6 Zähleinheiten |
| مَدٌّ طَبِيعِيٌّ حَرْفِيٌّ | Zweigliedriger Buchstabenname | 2 Zähleinheiten |
Häufige Fehler
- Madd ʿāriḍ auch beim verbundenen Lesen über vier oder sechs Zähleinheiten zu verlängern;
- Madd al-līn mit einem gewöhnlichen natürlichen Madd zu verwechseln;
- Wāw oder Yāʾ nach einer Fatha als normalen Madd-Buchstaben zu behandeln;
- Madd lāzim kürzer als sechs Zähleinheiten zu lesen;
- die Schadda nicht als Verbindung eines sākin-Buchstabens mit einem vokalisierten Buchstaben zu erkennen;
- die zweigliedrigen Muqaṭṭaʿāt-Buchstaben fälschlich über sechs Zähleinheiten zu dehnen;
- den Sonderfall عَيْنْ nicht von den übrigen dreigliedrigen Buchstabennamen zu unterscheiden;
- das Alif in الٓمٓ zu verlängern;
- bei wechselnden Dehnungszeiten innerhalb derselben Rezitation ungleichmäßig zu lesen.
Wie kann man diese Madd-Regeln üben?
Eine sinnvolle Übungsmethode besteht darin, jede Regel zunächst isoliert zu trainieren.
- Das Wort beim verbundenen Lesen rezitieren.
- Auf demselben Wort anhalten.
- Die zulässigen Dehnungszeiten bewusst zählen.
- Den Unterschied zwischen vorübergehendem und dauerhaftem Sukūn erkennen.
- Die Muqaṭṭaʿāt Buchstabe für Buchstabe mit einer Lehrkraft üben.
Beispielsweise kann مَمْنُونٍ zunächst verbunden und anschließend mit Waqf als مَمْنُونْ über zwei, vier und sechs Zähleinheiten geübt werden.
Fazit
In dieser Lektion haben wir die wichtigsten Madd-Regeln kennengelernt, bei denen auf eine Dehnung ein vorübergehender oder dauerhafter Sukūn folgt.
Der Madd ʿāriḍ li-s-sukūn und Madd al-līn entstehen nur beim Anhalten und können über zwei, vier oder sechs Zähleinheiten gedehnt werden.
Der Madd lāzim beruht dagegen auf einem ursprünglichen, dauerhaft vorhandenen Sukūn und wird grundsätzlich über sechs Zähleinheiten gehalten.
Außerdem haben wir zwischen dem wortbezogenen Madd lāzim und den Dehnungen der abgetrennten Buchstaben am Anfang bestimmter Suren unterschieden.
In schāʾ Allah behandelt die nächste Lektion weitere Madd-Regeln und besondere Auswirkungen, die in den vorangegangenen Lektionen noch nicht erklärt wurden.
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