Einleitung
Allah, der Erhabene, nimmt Taten an, wenn sie aufrichtig für Ihn verrichtet werden und mit den islamischen Vorgaben übereinstimmen. Auch bei der Koranrezitation sollte der Gläubige daher auf seine Absicht, seine Aussprache und sein Verhalten achten.
Der Koran ist nicht mit einem gewöhnlichen Buch zu vergleichen. Er ist das offenbarte Wort Allahs und verdient Respekt, Aufmerksamkeit und eine angemessene Vorbereitung.
Im Folgenden werden wichtige Verhaltensregeln und Empfehlungen erläutert, die bei der Rezitation des Korans beachtet werden sollten.
1. Rituelle Reinheit beachten
Es ist empfohlen, den Koran in einem Zustand ritueller Reinheit zu rezitieren. Dazu gehört insbesondere die kleine Gebetswaschung, der الوُضُوءُ.
Bei einem Zustand großer ritueller Unreinheit, der den غُسْلُ erforderlich macht, gelten besondere islamrechtliche Bestimmungen für das Rezitieren und Berühren des Muṣḥaf.
Wichtige Unterscheidung: Für das Rezitieren aus dem Gedächtnis oder von einem digitalen Gerät wird die Gebetswaschung von vielen Gelehrten nicht als zwingende Voraussetzung angesehen. Für das direkte Berühren eines gedruckten Muṣḥaf vertreten die Mehrheit der klassischen Gelehrten strengere Regeln.
Auch Kleidung, Körper und Umgebung sollten sauber und frei von sichtbarer Unreinheit sein.
2. Einen sauberen und geeigneten Ort wählen
Der Ort der Rezitation sollte sauber und respektvoll sein. Ein ruhiger Platz erleichtert die Konzentration und schützt den Leser vor unnötigen Ablenkungen.
Orte, die mit Unreinheit verbunden sind oder an denen die Rezitation nicht angemessen wäre, sollten vermieden werden.
Es ist ebenfalls ratsam, einen Ort zu wählen, an dem andere Menschen nicht durch eine zu laute Rezitation gestört werden.
3. Die Zuflucht bei Allah suchen
Zu Beginn der Koranrezitation spricht der Leser die Istiʿādha beziehungsweise den Taʿawwuḏ, auf Arabisch التَّعَوُّذُ.
Die bekannte Form lautet:
أَعُوذُ بِاللَّهِ مِنَ الشَّيْطَانِ الرَّجِيمِ
Ich suche Zuflucht bei Allah vor dem verfluchten Satan.
Allah sagt:
فَإِذَا قَرَأْتَ الْقُرْآنَ فَاسْتَعِذْ بِاللَّهِ مِنَ الشَّيْطَانِ الرَّجِيمِ
Wenn du den Koran rezitierst, dann suche Zuflucht bei Allah vor dem verfluchten Satan. (16:98)
Die Istiʿādha wird gesprochen, wenn eine neue Rezitation begonnen wird, unabhängig davon, ob der Leser am Anfang oder in der Mitte einer Sure einsetzt.
4. Die Basmala sprechen
Am Anfang jeder Sure wird gewöhnlich die Basmala rezitiert, mit Ausnahme der Sure At-Tawbah:
بِسْمِ اللَّهِ الرَّحْمَٰنِ الرَّحِيمِ
Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.
Beginnt man in der Mitte einer Sure, kann die Basmala je nach Kontext gesprochen oder ausgelassen werden. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass durch die Verbindung keine missverständliche Bedeutung entsteht.
Zwischen den Suren Al-Anfāl und At-Tawbah wird keine Basmala gesprochen.
5. Mit Konzentration und Demut rezitieren
Der Leser sollte sich bemühen, den Koran mit innerer Sammlung, Demut und Respekt zu rezitieren. Auf Arabisch wird diese Haltung als خُشُوعٌ bezeichnet.
Allah sagt:
لَوْ أَنزَلْنَا هَـٰذَا الْقُرْآنَ عَلَىٰ جَبَلٍ لَّرَأَيْتَهُ خَاشِعًا مُّتَصَدِّعًا مِّنْ خَشْيَةِ اللَّهِ
Wenn Wir diesen Koran auf einen Berg herabgesandt hätten, hättest du ihn aus Ehrfurcht vor Allah demütig werden und sich spalten sehen. (59:21)
Der Leser sollte Ablenkungen möglichst reduzieren, unnötige Gespräche vermeiden und sich bewusst machen, dass er die Worte Allahs rezitiert.
6. Über die Bedeutung der Verse nachdenken
Die Koranrezitation sollte nicht ausschließlich mit der Zunge erfolgen. Der Leser sollte sich auch um Tadabbur bemühen, also um das Nachdenken über die Bedeutung, die Botschaft und die Lehren der Verse.
Allah sagt:
أَفَلَا يَتَدَبَّرُونَ الْقُرْآنَ أَمْ عَلَىٰ قُلُوبٍ أَقْفَالُهَا
Denken sie denn nicht über den Koran nach, oder befinden sich Schlösser auf ihren Herzen? (47:24)
Wer die arabische Sprache noch nicht versteht, kann eine zuverlässige Übersetzung oder einen Tafsīr zur Hilfe nehmen. Dies ersetzt nicht den arabischen Korantext, unterstützt aber das Verständnis und die innere Aufmerksamkeit.
7. Die Stimme auf natürliche Weise verschönern
Es ist empfohlen, den Koran mit einer angenehmen und schönen Stimme zu rezitieren, sofern die Tajwid-Regeln eingehalten werden.
Al-Barāʾ ibn ʿĀzib – möge Allah mit ihm zufrieden sein – berichtete, dass der Gesandte Allahs ﷺ sagte:
„Verschönert den Koran mit euren Stimmen.“
Auch Abū Hurayrah – möge Allah mit ihm zufrieden sein – überlieferte sinngemäß:
„Nicht zu uns gehört, wer den Koran nicht mit wohlklingender Stimme rezitiert.“
Die Verschönerung der Stimme darf jedoch nicht dazu führen, dass:
- Buchstaben verändert werden;
- kurze Vokale unzulässig verlängert werden;
- Tajwid-Regeln der Melodie untergeordnet werden;
- die Rezitation wie weltlicher Gesang behandelt wird;
- der Leser nach Anerkennung oder Bewunderung sucht.
Eine schöne Rezitation besteht nicht allein aus Melodie. Sie beruht in erster Linie auf korrekter Aussprache, Tajwid, Demut und Aufrichtigkeit.
8. Der Koranrezitation aufmerksam zuhören
Wer einer Koranrezitation zuhört, sollte nach Möglichkeit aufmerksam sein, schweigen und über die Verse nachdenken.
Allah sagt:
وَإِذَا قُرِئَ الْقُرْآنُ فَاسْتَمِعُوا لَهُ وَأَنصِتُوا لَعَلَّكُمْ تُرْحَمُونَ
Und wenn der Koran rezitiert wird, dann hört ihm zu und schweigt, auf dass euch Barmherzigkeit erwiesen werde. (7:204)
Die genaue rechtliche Anwendung dieses Verses wird von den Gelehrten je nach Situation unterschiedlich eingeordnet, insbesondere während des Gebets und außerhalb des Gebets.
Unabhängig davon gehört es zum respektvollen Verhalten, eine Rezitation nicht ohne Grund durch laute Gespräche oder andere Ablenkungen zu stören.
Auch der Leser selbst sollte seine Rezitation nicht für belanglose Gespräche unterbrechen. Besteht jedoch ein berechtigter Anlass, darf er anhalten und später an einer geeigneten Stelle neu beginnen.
9. Gähnen möglichst unterdrücken
Gähnen kann die Aussprache und Konzentration während der Rezitation beeinträchtigen. Der Leser sollte daher versuchen, es soweit wie möglich zu unterdrücken und gegebenenfalls die Hand vor den Mund zu halten.
Ist das Gähnen nicht zu vermeiden, ist es besser, die Rezitation kurz zu unterbrechen, anstatt Buchstaben oder Wörter unklar auszusprechen.
10. An die Wahrheit der Worte Allahs glauben
Der Leser sollte den Koran mit Überzeugung und Glauben rezitieren. Er bestätigt, dass die Worte Allahs wahr sind, Seine Versprechen wahr sind und Seine Warnungen ernst genommen werden müssen.
Die Rezitation sollte daher nicht nur eine sprachliche Übung sein. Sie ist zugleich eine Begegnung mit Rechtleitung, Geboten, Verboten, Verheißungen und Warnungen.
Wenn der Leser Verse über den Glauben, die Auferstehung, das Paradies oder die Strafe rezitiert, sollte er diese Aussagen mit einem aufrichtigen Herzen annehmen.
11. Bei Versen der Barmherzigkeit bitten und bei Warnungen Zuflucht suchen
Es gehört zu den überlieferten Formen der Rezitation, bei Versen über Allahs Barmherzigkeit um Seine Gunst zu bitten und bei Versen über Strafe oder Warnung Zuflucht bei Ihm zu suchen.
Ḥuḏayfah ibn al-Yamān – möge Allah mit ihm zufrieden sein – berichtete über das Nachtgebet des Propheten ﷺ, dass er:
- bei einem Vers des Lobpreises Allah pries;
- bei einem Vers der Bitte Allah bat;
- bei einem Vers der Zufluchtnahme Zuflucht bei Allah suchte.
Dies fördert eine lebendige und bewusste Rezitation.
Beispielsweise kann der Leser:
- bei Versen über das Paradies Allah um das Paradies bitten;
- bei Versen über die Hölle Zuflucht vor ihr suchen;
- bei Versen über Vergebung Allah um Vergebung bitten;
- bei Versen über Seine Gaben Allah loben und danken.
12. Die Absicht aufrichtig halten
Eine der wichtigsten Voraussetzungen jeder gottesdienstlichen Handlung ist die Aufrichtigkeit, auf Arabisch الإِخْلَاصُ.
Der Koran sollte nicht rezitiert werden, um:
- von anderen bewundert zu werden;
- als besonders fromm oder gelehrt zu gelten;
- bei Wettbewerben nur nach Ansehen zu streben;
- Aufmerksamkeit durch eine schöne Stimme zu gewinnen.
Eine schöne Stimme, öffentliches Unterrichten oder eine Rezitation vor anderen sind nicht an sich problematisch. Entscheidend ist die Absicht des Lesers.
13. Ein angemessenes Rezitationstempo wählen
Der Koran sollte weder so schnell rezitiert werden, dass Buchstaben und Regeln verloren gehen, noch so übertrieben langsam, dass zusätzliche Laute entstehen.
Allah sagt:
وَرَتِّلِ الْقُرْآنَ تَرْتِيلًا
Und rezitiere den Koran in einer wohlgeordneten und deutlichen Weise. (73:4)
Das passende Tempo hängt vom Niveau und vom Ziel des Lesers ab. Anfänger profitieren meist von einer langsamen und sorgfältigen Rezitation. Fortgeschrittene können flüssiger lesen, solange die Tajwid-Regeln vollständig erhalten bleiben.
14. Geeignete Stellen zum Anhalten und Neubeginnen wählen
Zum respektvollen Umgang mit dem Koran gehört auch, nicht an einer Stelle anzuhalten, die den Sinn entstellt oder eine missverständliche Aussage erzeugt.
Der Leser sollte deshalb die Grundlagen von Waqf und Ibtidāʾ lernen:
- الوَقْفُ: das Anhalten;
- الاِبْتِدَاءُ: der Neubeginn.
Wenn der Atem nicht ausreicht, darf der Leser anhalten. Anschließend sollte er jedoch an einer Stelle neu beginnen, die den grammatischen und inhaltlichen Zusammenhang wiederherstellt.
Übersicht der wichtigsten Verhaltensregeln
| Verhaltensregel | Ziel |
|---|---|
| Rituelle Reinheit | Respektvolle Vorbereitung auf die Rezitation |
| Sauberer Ort | Würde und Konzentration bewahren |
| Istiʿādha | Zuflucht vor dem Satan suchen |
| Basmala | Die Sure im Namen Allahs beginnen |
| Demut und Konzentration | Mit innerer Gegenwärtigkeit rezitieren |
| Tadabbur | Über Bedeutung und Botschaft nachdenken |
| Schöne Stimme | Die Rezitation verschönern, ohne Tajwid zu verletzen |
| Aufmerksames Zuhören | Respekt vor dem Wort Allahs zeigen |
| Aufrichtige Absicht | Allein für Allah rezitieren |
| Geeignetes Tempo | Klarheit und korrekte Aussprache bewahren |
| Waqf und Ibtidāʾ | Den Sinn der Verse nicht entstellen |
Häufige Fehler bei der Koranrezitation
- den Koran nur aus Gewohnheit ohne Aufmerksamkeit zu lesen;
- die Melodie über die Tajwid-Regeln zu stellen;
- zu schnell zu rezitieren und Buchstaben zu verschlucken;
- eine schöne Stimme zur Selbstdarstellung zu verwenden;
- an Stellen anzuhalten, die den Sinn verfälschen;
- bei der Rezitation ständig durch das Telefon oder Gespräche abgelenkt zu sein;
- nur die Aussprache zu beachten und die Bedeutung vollständig zu vernachlässigen;
- mit unreiner Kleidung oder an einem ungeeigneten Ort zu rezitieren;
- die Gebetswaschung als Voraussetzung für jede Form des Rezitierens darzustellen, ohne die islamrechtlichen Unterschiede zu berücksichtigen;
- das Hören einer Audioaufnahme mit einer persönlichen Rezitation vor einer Lehrkraft gleichzusetzen.
Wie kann man diese Verhaltensregeln praktisch umsetzen?
Eine einfache Vorbereitung kann dabei helfen, die Rezitation bewusster zu gestalten:
- einen sauberen und ruhigen Ort wählen;
- nach Möglichkeit Wuḍūʾ verrichten;
- eine aufrichtige Absicht fassen;
- die Istiʿādha sprechen;
- am Surenanfang die Basmala rezitieren;
- langsam und deutlich beginnen;
- auf die Bedeutung achten;
- geeignete Pausen einhalten;
- die Rezitation mit einer kurzen Reflexion oder einem Duʿā beenden.
Die Koranrezitation mit einer Lehrkraft verbessern
Die Verhaltensregeln bilden den spirituellen und praktischen Rahmen der Rezitation. Für eine korrekte Aussprache sind zusätzlich die Regeln des Tajwid notwendig.
Eine qualifizierte Lehrkraft kann überprüfen:
- ob die Artikulationsstellen korrekt sind;
- ob die Madd-Zeiten eingehalten werden;
- ob Ghunna und Qalqala richtig ausgesprochen werden;
- ob das Lesetempo geeignet ist;
- ob an sinnvollen Stellen angehalten wird;
- ob der Leser undeutliche oder zusätzliche Laute produziert.
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FAQ: Verhaltensregeln bei der Koranrezitation
Muss man Wuḍūʾ haben, um den Koran zu rezitieren?
Für das Rezitieren aus dem Gedächtnis oder von einem digitalen Gerät wird Wuḍūʾ von vielen Gelehrten nicht als zwingend angesehen, ist aber empfohlen. Für das direkte Berühren eines gedruckten Muṣḥaf gelten nach der Mehrheit der Gelehrten strengere Bestimmungen.
Muss man vor jeder Rezitation die Istiʿādha sprechen?
Wenn eine neue Rezitation begonnen wird, soll die Zuflucht bei Allah vor dem Satan gesucht werden. Dies gilt sowohl am Anfang als auch in der Mitte einer Sure.
Wird die Basmala am Anfang jeder Sure gesprochen?
Sie wird gewöhnlich am Anfang jeder Sure gesprochen, mit Ausnahme der Sure At-Tawbah. Zwischen Al-Anfāl und At-Tawbah wird ebenfalls keine Basmala rezitiert.
Darf man den Koran melodisch rezitieren?
Ja, eine schöne und natürliche Stimme ist empfohlen. Die Melodie darf jedoch weder Buchstaben verändern noch Tajwid-Regeln verletzen.
Darf man die Rezitation unterbrechen?
Bei einem berechtigten Anlass darf die Rezitation unterbrochen werden. Danach sollte an einer geeigneten Stelle neu begonnen werden, damit der Sinnzusammenhang erhalten bleibt.
Soll man bei Versen über das Paradies und die Hölle reagieren?
Es ist überliefert, bei Versen der Barmherzigkeit Allah um Seine Gunst zu bitten und bei Warnungen Zuflucht bei Ihm zu suchen, insbesondere in einer ruhigen persönlichen Rezitation.
Ist eine schöne Stimme wichtiger als Tajwid?
Nein. Die korrekte Aussprache und die Einhaltung des Tajwid haben Vorrang. Eine schöne Stimme ergänzt die Rezitation, ersetzt aber keine korrekte Regelanwendung.
Fazit
Die Koranrezitation ist nicht nur eine sprachliche Tätigkeit, sondern eine Form der Anbetung. Deshalb sollte sie von Aufrichtigkeit, Respekt, Reinheit, Aufmerksamkeit und Nachdenken begleitet werden.
Zu den wichtigsten Verhaltensregeln gehören die Istiʿādha, die Basmala, eine angemessene Umgebung, eine schöne und natürliche Stimme, Tadabbur sowie das Beachten sinnvoller Pausen.
Der Leser sollte vermeiden, die Rezitation zu einer bloßen Gewohnheit oder Selbstdarstellung werden zu lassen. Entscheidend sind die korrekte Aussprache, die Aufrichtigkeit der Absicht und die Gegenwärtigkeit des Herzens.
In schāʾ Allah behandelt die nächste Lektion die drei erlaubten Rezitationstempi des Korans: At-Taḥqīq, At-Tadwīr und Al-Ḥadr.
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