Einführung
Der Begriff Nabr bezeichnet im Zusammenhang mit der Koranrezitation eine leichte, gezielte Hervorhebung eines Lautes oder einer Silbe. Dabei wird die Stimme nicht übermäßig angehoben. Vielmehr soll eine bestimmte lautliche Struktur klar hörbar bleiben und vor einer falschen oder unvollständigen Aussprache geschützt werden.
Der Nabr kann in verschiedenen Situationen auftreten, beispielsweise bei einem Madd lāzim vor einem Buchstaben mit Schadda, beim Anhalten auf einer Hamza oder zur Verdeutlichung eines verdoppelten Endbuchstabens.
Wichtiger Hinweis: Der Nabr wird nicht von allen Tajwid-Gelehrten als eigenständige klassische Tajwid-Regel behandelt. Häufig beschreibt der Begriff vielmehr eine praktische Aussprachehilfe, mit der bestimmte Buchstaben, Verdopplungen oder ausgelassene Dehnungen deutlich hörbar gemacht werden.
1. Nabr bei einem Madd lāzim vor einer Schadda
Ein Madd lāzim entsteht unter anderem, wenn auf einen Dehnungsbuchstaben ein Buchstabe mit festem Sukūn folgt. Bei einer Schadda ist der erste der beiden zusammengefassten Buchstaben ursprünglich mit Sukūn versehen.
In solchen Fällen muss die Dehnung deutlich eingehalten und der anschließende verdoppelte Buchstabe klar artikuliert werden. Eine leichte stimmliche Hervorhebung hilft dabei, die Schadda hörbar zu machen, ohne eine unzulässige Ghunna oder einen zusätzlichen Vokal zu erzeugen.
Beispiele:
صِرَاطَ الَّذِينَ أَنْعَمْتَ عَلَيْهِمْ غَيْرِ الْمَغْضُوبِ عَلَيْهِمْ وَلَا الضَّالِّينَ
Den Weg derjenigen, denen Du Gunst erwiesen hast, nicht derjenigen, die Zorn auf sich gezogen haben, und nicht der Irregehenden. (1:7)
In الضَّالِّينَ wird das Alif aufgrund des Madd lāzim sechs Zähleinheiten gedehnt. Danach muss das verdoppelte لّ deutlich ausgesprochen werden.
قُلْ أَتُحَاجُّونَنَا فِي اللَّهِ وَهُوَ رَبُّنَا وَرَبُّكُمْ
Sprich: „Streitet ihr mit uns über Allah, obwohl Er unser Herr und euer Herr ist?“ (2:139)
Im Wort أَتُحَاجُّونَنَا folgt auf die Dehnung der verdoppelte Buchstabe جّ. Die Dehnung und die Schadda müssen voneinander klar unterscheidbar bleiben.
الْحَاقَّةُ
Die unausweichliche Wirklichkeit. (69:1)
Auch in الْحَاقَّةُ folgt auf die lange Dehnung ein verdoppeltes قّ. Der Leser darf den Übergang weder verschlucken noch einen zusätzlichen Laut einfügen.
2. Nabr beim Anhalten auf einem Wort mit abschließender Hamza
Beim Anhalten auf einem Wort, das mit einer Hamza endet, muss die Hamza klar hörbar bleiben. Eine leichte Hervorhebung verhindert, dass sie vollständig ausgelassen oder übermäßig hart ausgesprochen wird.
Die Hamza besitzt einen klaren Artikulationsverschluss. Beim Waqf sollte dieser Verschluss deutlich, aber ohne Übertreibung ausgeführt werden.
Beispiele:
وَأَنزَلَ مِنَ السَّمَاءِ مَاءً فَأَخْرَجَ بِهِ مِنَ الثَّمَرَاتِ رِزْقًا لَّكُمْ
Er ließ Wasser vom Himmel herabkommen und brachte damit Früchte als Versorgung für euch hervor. (2:22)
Beim Anhalten auf السَّمَاءِ muss die abschließende Hamza deutlich ausgesprochen werden. Die Dehnung vor der Hamza darf nicht dazu führen, dass die Hamza verschwindet.
قَالَ سَآوِي إِلَىٰ جَبَلٍ يَعْصِمُنِي مِنَ الْمَاءِ
Er sagte: „Ich werde mich auf einen Berg zurückziehen, der mich vor dem Wasser schützt.“ (11:43)
قَالُوا أَنُؤْمِنُ كَمَا آمَنَ السُّفَهَاءُ
Sie sagen: „Sollen wir glauben, wie die Toren geglaubt haben?“ (2:13)
In الْمَاءِ und السُّفَهَاءُ steht jeweils eine Hamza nach einer langen Dehnung. Sowohl die Dehnung als auch die Hamza müssen klar voneinander hörbar sein.
3. Nabr zur Verdeutlichung einer Schadda am Wortende
Endet ein Wort auf einem Buchstaben mit Schadda und hält der Leser darauf an, muss die Verdopplung erhalten bleiben. Die Schadda darf beim Waqf nicht wie ein einfacher Buchstabe ausgesprochen werden.
Eine leichte Hervorhebung hilft dabei, den ersten vokallosen und den zweiten ebenfalls beim Anhalten vokallos werdenden Bestandteil der Schadda deutlich wahrnehmbar zu machen. Dabei darf jedoch kein zusätzlicher Vokal entstehen.
Beispiele:
لِّكُلِّ نَبَإٍ مُّسْتَقَرٌّ
Für jede Nachricht gibt es einen festgesetzten Zeitpunkt ihrer Verwirklichung. (6:67)
Beim Anhalten auf مُسْتَقَرّ muss das verdoppelte رّ hörbar bleiben. Es darf weder zu einem einfachen ر werden noch übermäßig gerollt werden.
إِلَّا الَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ وَتَوَاصَوْا بِالْحَقِّ وَتَوَاصَوْا بِالصَّبْرِ
Außer denjenigen, die glauben, rechtschaffene Werke tun und einander die Wahrheit und die Standhaftigkeit empfehlen. (103:3)
Beim Anhalten auf الْحَقّ bleibt die Verdopplung des قّ erhalten. Zusätzlich ist wegen des Sukūn die Qalqala des Buchstabens ق zu beachten.
4. Nabr bei einem verdoppelten يّ oder وّ
Tragen die Buchstaben ي oder و eine Schadda, müssen sie als verdoppelte Konsonanten ausgesprochen werden. Sie dürfen nicht mit einem einfachen Madd-Buchstaben verwechselt oder zu einer bloßen Dehnung reduziert werden.
Eine leichte Hervorhebung unterstützt die klare Artikulation der Schadda, ohne den Buchstaben übermäßig zu verlängern.
Beispiel:
إِيَّاكَ نَعْبُدُ وَإِيَّاكَ نَسْتَعِينُ
Dir allein dienen wir, und Dich allein bitten wir um Hilfe. (1:5)
Im Wort إِيَّاكَ besteht das verdoppelte يّ aus einem ersten يْ und einem zweiten يَ. Die Schadda muss deutlich hörbar sein. Der Leser darf das Wort nicht so aussprechen, als befände sich dort nur ein langes ī.
5. Nabr bei Verben mit auslautendem Alif vor einem bestimmten Artikel
Bei einigen Verbformen im Dual oder Plural endet das Verb auf ein Alif. Folgt unmittelbar ein Wort mit Hamzat al-Waṣl, kann es beim verbundenen Lesen zum Zusammentreffen zweier vokalloser Elemente kommen.
In solchen Fällen wird die Dehnung des auslautenden Alif beim Wasl verkürzt oder fällt lautlich weg. Eine leichte Hervorhebung des vorausgehenden Konsonanten hilft dabei, die grammatische Form des Verbs deutlich zu bewahren, ohne einen zusätzlichen Vokal oder eine Ghunna zu erzeugen.
Wichtiger Hinweis: Diese Regel betrifft nicht allgemein jedes Verb, das auf Alif endet. Entscheidend sind die konkrete Wortform, das folgende Wort und die Regeln von Hamzat al-Waṣl sowie des Zusammentreffens zweier Sukūn.
Beispiele:
حَتَّىٰ أَتَانَا الْيَقِينُ
Bis die Gewissheit zu uns kam. (74:47)
Beim verbundenen Lesen von أَتَانَا الْيَقِينُ wird der Übergang zum bestimmten Artikel flüssig gesprochen. Die Verbform muss trotzdem deutlich erkennbar bleiben.
وَقَالَا الْحَمْدُ لِلَّهِ الَّذِي فَضَّلَنَا عَلَىٰ كَثِيرٍ مِّنْ عِبَادِهِ الْمُؤْمِنِينَ
Beide sagten: „Alles Lob gebührt Allah, der uns gegenüber vielen Seiner gläubigen Diener ausgezeichnet hat.“ (27:15)
In قَالَا الْحَمْدُ trifft das auslautende Alif der Dualform auf Hamzat al-Waṣl des bestimmten Artikels. Beim verbundenen Lesen wird die Aussprache entsprechend angepasst, während die Dualbedeutung des Verbs erhalten bleibt.
Was ist der Zweck des Nabr?
Der Nabr soll keine künstliche Betonung erzeugen und auch nicht die melodische Rezitation überlagern. Seine Funktion besteht vielmehr darin, eine wichtige lautliche Struktur deutlich zu machen.
Er kann helfen:
- eine Schadda klar hörbar zu erhalten;
- eine abschließende Hamza beim Waqf nicht zu verschlucken;
- einen Madd lāzim korrekt mit dem folgenden verdoppelten Buchstaben zu verbinden;
- ein verdoppeltes يّ oder وّ von einem Madd-Buchstaben zu unterscheiden;
- grammatische Dual- oder Pluralformen beim verbundenen Lesen verständlich zu bewahren.
Häufige Fehler beim Nabr
- den Nabr als lautes oder hartes Schreien zu verstehen;
- die Stimme übermäßig anzuheben;
- nach einem hervorgehobenen Buchstaben einen zusätzlichen Vokal einzufügen;
- eine Schadda beim Anhalten wie einen einfachen Buchstaben zu lesen;
- eine Hamza nach einer Dehnung zu verschlucken;
- bei يّ oder وّ nur eine lange Dehnung auszusprechen;
- bei Qalqala-Buchstaben die Qalqala mit einem vollständigen Vokal zu verwechseln;
- den Begriff Nabr auf jede beliebige Betonung in der Rezitation anzuwenden.
Wie kann man den Nabr richtig üben?
Der Nabr lässt sich nur begrenzt durch schriftliche Erklärungen erlernen. Entscheidend sind das genaue Zuhören und die mündliche Korrektur.
Eine geeignete Methode besteht darin:
- die betreffende Stelle langsam anzuhören;
- zunächst die Dehnung, Hamza oder Schadda isoliert zu üben;
- das Wort anschließend in den vollständigen Vers einzusetzen;
- eine übermäßige Lautstärke oder künstliche Betonung zu vermeiden;
- die eigene Rezitation aufzunehmen und zu vergleichen;
- vor einer qualifizierten Tajwid-Lehrkraft zu rezitieren.
Fazit
Diese Lektion hat die wichtigsten Anwendungsfälle des Nabr in der Koranrezitation vorgestellt. Der Begriff bezeichnet eine leichte lautliche Hervorhebung, mit der eine Hamza, Schadda, Dehnung oder grammatische Wortform deutlich bewahrt werden kann.
Der Nabr darf weder übertrieben noch als eigenständige Melodieregel verstanden werden. Er dient vor allem der Präzision und verhindert, dass wichtige Buchstaben oder lautliche Strukturen beim Rezitieren verloren gehen.
Damit haben Sie diese Reihe von Tajwid-Lektionen abgeschlossen. Das Al-Dirassa Institut bietet Ihnen die Möglichkeit, die Regeln des Tajwid unter der Anleitung qualifizierter Lehrkräfte weiter zu vertiefen. In unseren Online-Tajwidkursen können Sie Ihre Aussprache und Koranrezitation gezielt korrigieren lassen.
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