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Die Regeln des Buchstabens Rāʾ im Tajwid

3. Oktober 2020 – Al-Dirassa Institut

Tadschwīd-Lektion über Rāʾ zwischen Tafkhīm und Tarqīq

Einleitung

Wir setzen unsere Unterrichtsreihe über die Tajwid-Regeln des Korans fort. In den vorherigen Lektionen haben wir die korrekte Aussprache der arabischen Buchstaben anhand ihrer Artikulationsstellen und Eigenschaften behandelt.

In dieser achten Tajwid-Lektion beschäftigen wir uns ausführlich mit dem Buchstaben Rāʾ – ر.

Das Rāʾ kann je nach Vokalisierung und lautlichem Umfeld auf zwei Arten ausgesprochen werden:

  • schwer und voll mit Tafkhīm – تَفْخِيمٌ;
  • leicht und fein mit Tarqīq – تَرْقِيقٌ.

Die korrekte Aussprache hängt insbesondere vom Vokal des Rāʾ, vom vorausgehenden Buchstaben und in einigen Fällen vom folgenden Buchstaben ab.

Was bedeuten Tafkhīm und Tarqīq?

Tafkhīm – تَفْخِيمٌ

Tafkhīm bezeichnet eine volle, schwere oder dunkle Aussprache. Dabei hebt sich der hintere Teil der Zunge in Richtung des oberen Gaumens, sodass im Mundraum eine kräftigere Resonanz entsteht.

Tarqīq – تَرْقِيقٌ

Tarqīq bezeichnet eine leichte, helle und feine Aussprache. Der hintere Teil der Zunge bleibt dabei abgesenkt.

Die Artikulationsstelle des Rāʾ selbst verändert sich nicht. Der Unterschied betrifft vor allem die Klangqualität.

1. Das schwere Rāʾ – تَفْخِيمُ الرَّاءِ

Das Rāʾ wird in mehreren Fällen mit Tafkhīm ausgesprochen.

A. Das Rāʾ trägt eine Fatha oder Damma

Trägt das Rāʾ eine Fatha oder Damma, wird es schwer ausgesprochen.

Vokal Beispiel Sure und Vers
رَ رَسُولُ اللَّهِ
Aš-Šams 91:13
رُ فَعَقَرُوهَا
Aš-Šams 91:14

Die Fatha beziehungsweise Damma verleiht dem Rāʾ eine volle und schwere Klangqualität.

B. Das Rāʾ trägt Sukūn und wird von einer Fatha oder Damma eingeleitet

Ist das Rāʾ sākin und trägt der unmittelbar vorausgehende Buchstabe eine Fatha oder Damma, wird das Rāʾ schwer ausgesprochen.

Regel Beispiel Sure und Vers
رْ nach Fatha وَالْأَرْضِ وَمَا طَحَاهَا
Aš-Šams 91:6
رْ nach Damma حَتَّىٰ زُرْتُمُ الْمَقَابِرَ
At-Takāṯur 102:2

In الْأَرْضِ geht dem Rāʾ eine Fatha voraus. In زُرْتُم geht ihm eine Damma voraus. In beiden Fällen wird es schwer ausgesprochen.

C. Das Rāʾ trägt Sukūn nach einer ursprünglichen Kasra und wird von einem Istiʿlāʾ-Buchstaben gefolgt

Ein sākin-Rāʾ wird trotz einer vorausgehenden ursprünglichen Kasra schwer ausgesprochen, wenn unmittelbar danach innerhalb desselben Wortes ein nicht mit Kasra vokalisierter Istiʿlāʾ-Buchstabe folgt.

Die Buchstaben des Istiʿlāʾ sind:

خ ص ض غ ط ق ظ

Beispiel Sure und Vers
إِنَّ جَهَنَّمَ كَانَتْ مِرْصَادًا
An-Nabaʾ 78:21

Im Wort مِرْصَادًا folgt nach dem sākin-Rāʾ ein emphatisches Ṣād. Dadurch wird das Rāʾ schwer ausgesprochen.

Diese Regel gilt nur, wenn sich Rāʾ und Istiʿlāʾ-Buchstabe im selben Wort befinden.

D. Das Rāʾ trägt Sukūn nach einer vorübergehenden Kasra

Geht einem sākin-Rāʾ eine Kasra voraus, die nur wegen des Beginns mit Hamzat al-waṣl ausgesprochen wird und nicht ursprünglich zum Wort gehört, bleibt das Rāʾ schwer.

Beispiel Sure und Vers
ارْجِعِي إِلَىٰ رَبِّكِ
Al-Faǧr 89:28

Beim Neubeginn mit ارْجِعِي wird vorübergehend eine Kasra gesprochen. Diese Kasra führt nicht zur leichten Aussprache des Rāʾ, weil sie nicht ursprünglich zum Wortstamm gehört.

E. Das Rāʾ erhält beim Anhalten einen vorübergehenden Sukūn und wird von Fatha oder Damma eingeleitet

Beim Waqf erhält der letzte Buchstabe eines Wortes gewöhnlich einen Sukūn. Endet ein Wort mit einem vokalisierten Rāʾ, richtet sich seine schwere oder leichte Aussprache beim Anhalten nach den vorhergehenden Lauten.

Geht dem Rāʾ unmittelbar ein Buchstabe mit Fatha oder Damma voraus, wird es beim Waqf schwer ausgesprochen.

Vorausgehender Laut Beispiel Sure und Vers
Fatha vor einem sākin-Buchstaben وَالْعَصْرِ
Al-ʿAṣr 103:1
Damma vor einem sākin-Buchstaben لَفِي خُسْرٍ
Al-ʿAṣr 103:2

Beim Anhalten liest man:

الْعَصْرْ – خُسْرْ

Im Wort الْعَصْرْ wird für die Beurteilung über das sākin-Ṣād auf die vorhergehende Fatha zurückgegangen. Im Wort خُسْرْ geht dem sākin-Sīn eine Damma voraus. Das Rāʾ wird daher in beiden Fällen schwer gelesen.

2. Das leichte Rāʾ – تَرْقِيقُ الرَّاءِ

In den folgenden Fällen wird das Rāʾ leicht und fein ausgesprochen.

A. Das Rāʾ trägt eine Kasra

Trägt das Rāʾ selbst eine Kasra, wird es grundsätzlich leicht ausgesprochen.

Beispiel Sure und Vers
وَبُرِّزَتِ الْجَحِيمُ
An-Nāziʿāt 79:36
لِكُلِّ امْرِئٍ مِّنْهُمْ
ʿAbasa 80:37

B. Das Rāʾ trägt Sukūn nach einer ursprünglichen Kasra

Ein sākin-Rāʾ wird leicht ausgesprochen, wenn ihm innerhalb desselben Wortes eine ursprüngliche Kasra vorausgeht und danach kein nicht-kasriertes Istiʿlāʾ-Buchstabe folgt.

Beispiel Sure und Vers
اذْهَبْ إِلَىٰ فِرْعَوْنَ
An-Nāziʿāt 79:17

Im Wort فِرْعَوْنَ geht dem sākin-Rāʾ eine ursprüngliche Kasra voraus. Der folgende Buchstabe ʿAyn gehört nicht zu den Istiʿlāʾ-Buchstaben. Das Rāʾ wird deshalb leicht gelesen.

C. Das Rāʾ erhält beim Waqf Sukūn und wird von einem sākin-Yāʾ eingeleitet

Steht unmittelbar vor dem Rāʾ ein Yāʾ sākinah, wird das Rāʾ beim Anhalten leicht ausgesprochen.

Beispiel Sure und Vers
يَوْمَئِذٍ لَّخَبِيرٌ
Al-ʿĀdiyāt 100:11
ذَٰلِكَ الْفَوْزُ الْكَبِيرُ
Al-Burūǧ 85:11

Beim Anhalten wird gelesen:

خَبِيرْ – الْكَبِيرْ

Das Madd-Yāʾ beziehungsweise das sākin-Yāʾ vor dem Rāʾ führt zur leichten Aussprache.

D. Das Rāʾ erhält beim Waqf Sukūn und vor ihm steht ein sākin-Buchstabe nach Kasra

Wenn zwischen einer Kasra und dem abschließenden Rāʾ ein sākin-Buchstabe steht, betrachtet man beim Anhalten den Vokal vor diesem sākin-Buchstaben.

Ist dieser Vokal eine Kasra und gehört der Zwischenbuchstabe nicht zu den Istiʿlāʾ-Buchstaben, wird das Rāʾ leicht ausgesprochen.

Beispiel Sure und Vers
هَلْ فِي ذَٰلِكَ قَسَمٌ لِّذِي حِجْرٍ
Al-Faǧr 89:5

Beim Waqf liest man:

حِجْرْ

Zwischen der Kasra des Ḥāʾ und dem Rāʾ befindet sich ein sākin-Dschīm. Da das Dschīm kein Istiʿlāʾ-Buchstabe ist, wird das Rāʾ leicht gesprochen.

Übersicht: Wann wird das Rāʾ schwer oder leicht gelesen?

Situation Aussprache
Rāʾ mit Fatha schwer
Rāʾ mit Damma schwer
Sākin-Rāʾ nach Fatha oder Damma schwer
Sākin-Rāʾ nach vorübergehender Kasra schwer
Sākin-Rāʾ nach ursprünglicher Kasra vor einem nicht-kasrierten Istiʿlāʾ-Buchstaben schwer
Rāʾ mit Kasra leicht
Sākin-Rāʾ nach ursprünglicher Kasra ohne entsprechenden Istiʿlāʾ-Buchstaben leicht
Rāʾ beim Waqf nach einem sākin-Yāʾ leicht
Rāʾ beim Waqf nach einem sākin-Buchstaben, dem eine Kasra vorausgeht grundsätzlich leicht, sofern keine Ausnahme vorliegt

Die Artikulationsstelle des Rāʾ

Das Rāʾ wird mit der Zungenspitze und dem angrenzenden oberen Zungenbereich am Zahnfleisch der oberen Schneidezähne artikuliert.

Der Leser sollte darauf achten, das Rāʾ nicht übermäßig rollen zu lassen. Eine leichte natürliche Vibration kann entstehen, doch eine mehrfache Wiederholung des Lautes muss vermieden werden.

Dies gilt sowohl bei Tafkhīm als auch bei Tarqīq.

Das Rāʾ beim Anhalten richtig beurteilen

Beim Waqf verliert ein abschließendes Rāʾ seinen ursprünglichen Vokal und erhält einen vorübergehenden Sukūn.

Zur Bestimmung der Aussprache geht man schrittweise vor:

  1. Steht unmittelbar vor dem Rāʾ ein Madd- oder Līn-Yāʾ? Dann wird es leicht gelesen.
  2. Steht unmittelbar vor dem Rāʾ ein vokalisierter Buchstabe? Dann entscheidet dessen Vokal.
  3. Steht vor dem Rāʾ ein weiterer sākin-Buchstabe? Dann wird der Vokal vor diesem Buchstaben betrachtet.
  4. Eine Fatha oder Damma führt gewöhnlich zu Tafkhīm.
  5. Eine Kasra führt gewöhnlich zu Tarqīq, sofern keine besondere Ausnahme vorliegt.

Sonderfälle des Rāʾ

Einige Wörter werden in fortgeschrittenen Tajwid-Werken gesondert behandelt, weil bei ihnen unterschiedliche überlieferte Ausführungen oder besondere Bedingungen vorliegen.

Bekannte Beispiele sind unter anderem:

  • فِرْقٍ;
  • مِصْرَ beim Anhalten;
  • الْقِطْرِ beim Anhalten.

Solche Stellen sollten entsprechend der verwendeten Riwayah und des erlernten Überlieferungsweges mit einer qualifizierten Lehrkraft behandelt werden.

Häufige Fehler bei der Aussprache des Rāʾ

  • jedes Rāʾ wie ein stark gerolltes deutsches oder spanisches R auszusprechen;
  • das Rāʾ mit Kasra schwer zu lesen;
  • ein sākin-Rāʾ nach ursprünglicher Kasra unnötig zu verdicken;
  • den Einfluss eines folgenden Istiʿlāʾ-Buchstabens zu übersehen;
  • eine vorübergehende Kasra wie eine ursprüngliche Kasra zu behandeln;
  • das Rāʾ beim Waqf ohne Betrachtung der vorhergehenden Laute zu beurteilen;
  • das Rāʾ nach einem Madd-Yāʾ schwer auszusprechen;
  • die Tafkhīm-Wirkung auf benachbarte Buchstaben zu übertragen;
  • bei Tarqīq das Rāʾ so schwach auszusprechen, dass es kaum hörbar ist;
  • das Rāʾ mehrfach vibrieren zu lassen.

Wie wird das schwere Rāʾ geübt?

Für Tafkhīm kann der Lernende zunächst folgende Lautfolgen üben:

رَ – رُ – أَرْ – أُرْ

Anschließend eignen sich Wörter wie:

  • رَسُولٌ;
  • رُزِقُوا;
  • الْأَرْضِ;
  • زُرْتُم;
  • مِرْصَادًا.

Der hintere Teil der Zunge wird leicht angehoben, ohne die Artikulationsstelle des Rāʾ zu verändern.

Wie wird das leichte Rāʾ geübt?

Für Tarqīq können folgende Lautfolgen verwendet werden:

رِ – إِرْ – بِرْ – خَبِيرْ

Geeignete Übungswörter sind:

  • رِزْقًا;
  • فِرْعَوْنَ;
  • خَبِيرٌ;
  • الْكَبِيرُ;
  • حِجْرٍ.

Der hintere Teil der Zunge bleibt abgesenkt, während das Rāʾ klar an seiner Artikulationsstelle gesprochen wird.

Die Regeln des Rāʾ mit einer Lehrkraft lernen

Die Unterscheidung zwischen Tafkhīm und Tarqīq lässt sich theoretisch erklären, ist aber vor allem eine praktische und hörbare Fähigkeit.

Eine qualifizierte Tajwid-Lehrkraft kann überprüfen:

  • ob das Rāʾ zu schwer oder zu leicht ausgesprochen wird;
  • ob die Zungenspitze korrekt positioniert ist;
  • ob der Laut zu stark gerollt wird;
  • ob die Regel beim Waqf richtig bestimmt wird;
  • ob eine ursprüngliche und eine vorübergehende Kasra unterschieden werden;
  • ob besondere Wörter entsprechend der Riwayah korrekt gelesen werden.

Mit unseren Online-Tajwidkursen können Sie die Aussprache des Rāʾ und anderer arabischer Buchstaben unter Anleitung qualifizierter Lehrkräfte üben.

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FAQ: Das Rāʾ im Tajwid

Wann wird das Rāʾ schwer ausgesprochen?

Es wird unter anderem bei Fatha, Damma, nach Fatha oder Damma bei Sukūn sowie in bestimmten Fällen vor einem Istiʿlāʾ-Buchstaben schwer ausgesprochen.

Wann wird das Rāʾ leicht ausgesprochen?

Es wird bei einer Kasra, nach einer ursprünglichen Kasra und beim Waqf nach einem sākin-Yāʾ grundsätzlich leicht gesprochen.

Wie wird das Rāʾ in فِرْعَوْنَ ausgesprochen?

Es wird leicht ausgesprochen, weil dem sākin-Rāʾ eine ursprüngliche Kasra vorausgeht und danach kein Istiʿlāʾ-Buchstabe folgt.

Wie wird das Rāʾ in مِرْصَادًا ausgesprochen?

Es wird schwer ausgesprochen, weil nach dem sākin-Rāʾ ein nicht mit Kasra vokalisiertes Ṣād, also ein Istiʿlāʾ-Buchstabe, folgt.

Wie wird das Rāʾ beim Anhalten auf خَبِيرٌ gelesen?

Es wird leicht ausgesprochen, weil vor dem Rāʾ ein Madd-Yāʾ steht.

Darf das Rāʾ stark gerollt werden?

Nein. Das Rāʾ besitzt eine natürliche leichte Vibration, darf aber nicht mehrfach oder übertrieben gerollt werden.

Ist ein Rāʾ mit Kasra immer leicht?

Ein Rāʾ, das selbst eine Kasra trägt, wird grundsätzlich leicht ausgesprochen.

Fazit

In dieser achten Tajwid-Lektion haben wir die Regeln des Buchstabens Rāʾ – ر – kennengelernt.

Das Rāʾ kann je nach Vokalisierung und lautlichem Umfeld schwer mit Tafkhīm oder leicht mit Tarqīq ausgesprochen werden.

Die wichtigsten Grundregeln sind:

  • Rāʾ mit Fatha oder Damma wird schwer gelesen.
  • Rāʾ mit Kasra wird leicht gelesen.
  • Bei einem sākin-Rāʾ entscheidet grundsätzlich der vorausgehende Vokal.
  • Eine folgende Istiʿlāʾ-Letter kann in bestimmten Fällen zur schweren Aussprache führen.
  • Beim Waqf müssen auch die weiter vorausgehenden Buchstaben und Vokale berücksichtigt werden.

Die ursprüngliche Quelle enthielt insbesondere bei den Waqf-Regeln widersprüchliche Angaben. Das Rāʾ nach einem sākin-Yāʾ wird beim Anhalten leicht und nicht schwer ausgesprochen.

In schāʾ Allah behandelt die nächste Lektion die Regeln des Buchstabens Lām – ل – bei der Koranrezitation.

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